TUM:JA Alumnus Jeremias Heinrich

im Gespräch mit Elena Tangocci und Niklas Dreymann

Jeremias Heinrich ist Gründer und Managing Director der Arvantis Group - einer erfolgreichen Investmentholding mit Fokus auf Technologien, Immobilien und erneuerbaren Energien. Start-Ups im breiten Portfolio seiner Gesellschaften sind beispielsweise die Hotelkette Limehome, der HR-Software-Dienstleister Personio oder der Online-Makler Homeday. Jeremias studierte von 2008 bis 2014 zunächst im Bachelor Umweltingenieurwesen und später im Master Bauingenierwesen. Zwar fing er seine Promotion im Bereich Immobilienentwicklung an, folgte jedoch kurz darauf dem Ruf seines heutigen Geschäftspartners zur Mitgründung einer Investmentgesellschaft, welche nun unter dem Dach der Arvantis Group arbeitet.

Wir - Elena und Niklas von der Marketing-Taskforce - hatten die besondere Chance, Jeremias zu dieser spannenden Entscheidung „gegen“ die wissenschaftliche Karriere zu interviewen. Neben seinem Karriereweg als Gründer und Führungskraft sprachen wir über Vorbilder, seine Zeit in der TUM: Junge Akademie und seine Einschätzungen zu unserem Call "Multimodal Science Communication" sowie zur Wissenskommunikation in der Wirtschaft und in der Wissenchaft.

Informationen zu den Interviewer*innen

Elena Tangocci (geb.1993) ist Stipendiatin im aktuellen Jahrgang 2019, Teamsprecherin der Projektgruppe Study Strats und stellvertretenden Leiterin des Board of Members. Niklas Dreymann (geb. 1994) gehört ebenfalls dem Jahrgang 2019 an und leitet das Team Scienciety.

Elena promoviert seit September 2018 an der TUM School of Education, nachdem sie dort bereits den englischsprachigen Masterstudiengang "Research on Study and Teaching" absolviert hat. Niklas studierte seit 2017 im Master Technology & Management an der TUM School of Management, nachdem er am KIT (Karlsruhe) im Bachelor Wirtschaftsingenieurwesen erfolgreich abgeschlossen hat. 

Beide sind Mitglieder der Taskforce Marketing der TUM: Junge Akademie, die von Elena geführt wird. Gemeinsam haben sie das Interview vorbereitet, durchgeführt und redaktionell überarbeitet. 

Elena: Vielen Dank, dass wir hier sein dürfen und dass du dir die Zeit nimmst. Lass uns beginnen. Uns interessiert, was dich antreibt, bzw. für was begeisterst du dich?

Jeremias: Ganz grundsätzlich bin ich ein sehr begeisterungsfähiger Mensch und deswegen ist es schwierig, da ein Thema herauszugreifen. Aber wenn man sich ansieht, was wir hier bei uns im Unternehmen machen dann ist das eigentlich ziemlich genau das, was mich auch begeistert, denn ich habe das Unternehmen damals nach meinen Interessen aufgebaut. Da es damals nichts gab, konnte ich mir überlegen, in welchen Branchen ich etwas machen will. Mittlerweile haben wir drei Industrien, in denen wir aktiv sind. Das sind einmal Immobilien, was für mich im weitesten Sinne zum Thema Stadt und Stadtentwicklung gehört. Dabei betrachten wir die Fragen, wo und wie Menschen zukünftig leben und arbeiten, wie leben sie zusammen und interagieren miteinander, wie bewegen sie sich fort. Das Thema Städte als Lebensraum finde ich sehr, sehr spannend. Auch deshalb, weil immer mehr Menschen in Städten leben und aktuell keine Umkehr dieses Trends zu erkennen ist. Wir stehen hier immer noch am Anfang und sind ein kleiner Baustein einer gesamten Stadt aber wir wollen die Städte der Zukunft mitgestalten.

Natur, Klima, Umwelt sind Themen, die mich schon von Anfang an in meinem Studium des Umweltingenieurwesens an der TUM sehr begeistert haben. In dem Bereich wollen wir nicht nur jemand sein, der sich über den Strompreis beschwert oder, dass das Windrad mir die Sicht verdirbt. Wir wollen einen großen Beitrag leisten, die Stromversorgung von Morgen mitzugestalten.

Das dritte ist Technologie. Das sind die vielen Start-Ups aus dem Digital- und Internet-Bereich, wo man viel an Prozessoptimierung und Effizienzen arbeitet. Wenn man sich anschaut, was alles im Technologiebereich stattfindet dann ist das oft nichts wirklich Neues. Google Maps ist im Endeffekt eine Landkarte. Karten gab es früher schon, gab es schon bei den Seefahrern. Aber der Prozess, wie mit dieser Karte interagiert wird, wie auf diese zugegriffen werden kann, ist deutlich optimierter. Oder ein U-Bahn-Ticket, das konnte man schon immer kaufen. Heute sind es mit dem Handy aber nur noch 2 Klicks und früher musste ich da am Automaten warten, herumdrücken, Geld reinschmeißen und so weiter. Das alles sind durch Technologie getriebene Prozessoptimierungen und ich finde es wahnsinnig spannend, wie sich durch viele junge Unternehmen - von jungen Leuten - die Effizienz in der Welt entwickelt. Genau da wollen wir an der Speerspitze der Entwicklung vorne mit dabei sein. Das sind genau die drei Dinge, die mich begeistern: Städte, die saubere Energieversorgung in der Zukunft und Technologie.

Elena: Und gleich weiter: Hast du Vorbilder? Niklas: Falls ja, welche?

Jeremias: Das kommt immer auf den Bereich drauf an. Wenn es um Motivation und Engagement geht - das finde ich sehr, sehr schön - kann ich meinen Vater als Vorbild nennen. Er ist Landwirt. Er kommt von einem kleinen Ort aus Bayern und arbeitet seit er ein Jugendlicher war auf dem elterlichen Hof mit. Er ist jeden Tag nach der Schule aufs Feld gegangen und musste mithelfen. Danach ist er selber Landwirt geworden, steht im Sommer jeden Tag um vier Uhr auf und arbeitet bis spät in die Nacht und hat keinerlei Ermüdungserscheinungen, weil er einfach liebt, was er macht. Er legt ein wahnsinniges Engagement an den Tag, es macht ihm Spaß und er sieht einen Sinn in der Sache. Deswegen ist das für ihn auch so erfüllend und diese Kombination habe ich immer für mich gesucht und dann hier in meinem Unternehmen auch gefunden.

Ansonsten gibt es aber natürlich auch die großen Vorbilder wie beispielsweise Steve Jobs, der als Visionär ein Unternehmen aufgebaut und Produkte entwickelt hat, an die er glaubte und das bevor die Menschen wussten, dass sie sie einmal brauchen oder wollen. Das war etwas sehr Einzigartiges, was es heute nur noch selten gibt. Heute gehen die meisten so vor: “Frag 500 Leute, findest du das Produktelement gut oder schlecht?” und dann wird daraus ein Produkt entwickelt. Bei Jobs war es komplett egal, die haben Niemanden gefragt, ob jemand ein iPad haben will. Die haben einfach gesagt, wir sind uns sicher, das ist eine Zukunftstechnologie und Menschen wollen so mit Technologie interagieren und haben es dann gemacht. Ich sehe ihn aber nicht ideologisiert als Vorbild, er war im menschlichen Umgang angeblich ja nicht der Einfachste.

Niklas: Welche Charaktereigenschaften haben dir am meisten geholfen, dort zu sein, wo du jetzt bist?

Jeremias: Gute Frage, ich liebe es, zu arbeiten und kann auch lange hart arbeiten. Ich bin eher ein Marathonläufer als Sprinter. Ich renn jetzt nicht irgendwie hundert Meter und bin dann erschöpft, sondern ich kann auch mal Tage, Wochen, monatelang ein Ziel verfolgen, auch verbunden mit Rückschlägen und allem - ohne, dass ich davon abweiche. Das ist vor allem als Unternehmer wichtig, was heutzutage immer ein wenig geschönt dargestellt wird, als es im Alltag tatsächlich ist. Man hört immer wieder “Unternehmer sein heißt, du kannst frei machen, was du willst und alles ist schön.” und es ist auch absolut so, aber es ist im Endeffekt auch Achterbahn fahren: Morgen ist etwas Gutes, Übermorgen passiert was Schlechtes, dann wieder was Gutes und dann was Schlechtes. Da braucht man schon eine gewisse Ausdauer, sonst würde man jedes Mal, wenn etwas Negatives passiert, gleich die Flinte ins Korn werfen oder alles abbrechen. Die Ausdauer ist eine meiner für mich guten Charaktereigenschaften und ich habe auch eine gewisse innere Ruhe. Es passieren in dieser Welt tausend Sachen um einen herum, genauso im Unternehmen, dann kommt noch das Privatleben dazu und in der Regel dann alles zusammen. Als Unternehmer muss man ein gewisser Ruhepol sein. Wenn ich selber hektisch oder ängstlich reagiere, dann fragen sich alle um einen herum bzw. im Unternehmen: „Was passiert hier?“. Beide Eigenschaften sehe ich ein bisschen angelehnt an den süddeutschen Maschinenbauer: „Jeden Tag einen Schritt nach vorne gehen, immer wieder und das immer mit einer gewissen inneren Ruhe und Besonnenheit“.

Elena: Eigentlich hast du jetzt mit deinen Charaktereigenschaften, die sehr spannend sind, meine nächste Frage schon beantwortet. Ich stelle sie trotzdem: Hättest du eine Superkraft, welche wäre es?

Jeremias: Die Frage hat man sich als Kind immer oft gestellt. Ich habe mir damals immer gesagt: Wenn ich eine Superkraft hätte, würde ich gerne für alle Menschen die Zeit anhalten können und selber aber weiter machen. Das würde sich heute in manchen Lebenslagen auch ganz gut eignen. Dann könnte man mal ein paar Stunden mehr schlafen. Ich glaube das wäre auch heute noch meine Superpower, die ich gern hätte.

Niklas: Cool. Kommen wir zu deinem Karriereweg nach dem Studium. Du hast erst Umweltingenieurwesen im Bachelor und dann im Master Bauingenieurwesen studiert. Du warst zudem bei diversen Unternehmen und auch in der Beratung tätig. Meine erste Frage ist: „Was hat dich rückblickend auf deinem Karriereweg am meisten geprägt bzw. deine Entscheidungen beeinflusst?“

Jeremias: Ich habe während meines Studiums viele, teilweise zwei parallel, Nebenjobs gehabt, studieren in München ist ja nicht gerade preiswert. Ich habe Tutorien an der Uni geleitet und nebenher auch einen Job in der Wirtschaft gehabt und die immer wieder gewechselt. Das hat mir wahnsinnig geholfen, weil aus dem Abitur kommend kenn man nur den Kosmos „Schule”. Dann kommt man in die Uni beschäftigt sich tagtäglich mit akademischen Inhalten. Man weiß aber nicht, was da draußen in der Wirtschaftswelt passiert, gerade, weil man durch das Studium so fokussiert auf einem Bereich ist. Als ich Umweltingenieur studiert habe, lag der Fokus auf Infrastruktur und Windräder. Im Bauingenieurstudium war alles sehr auf Gebäude bezogen. Aber dass es da irgendwo Digital-Unternehmen gibt, das es in China etwas anderes gibt als hier, lernt man an der Uni und der Schule nicht wirklich. Deswegen hat es mir sehr geholfen, viele verschiedene Nebenjobs zu haben. Auch wenn es nur Werkstudenten- oder Praktikumsstellen waren, hat man dabei schon verschiedenste Dinge aus der Wirtschaftswelt gelernt. So hatte ich ein Projekt mit einer Stadt in Finnland, ein anderes war in Deutschland und in noch einem anderen war es etwas über China. Dieser weite Blick auf das, was es in der Welt alles gibt, war für mich sehr wichtig und ergab sich eigentlich ausschließlich aus meinen Nebenjobs. Was mir gleichzeitig an der Uni am meisten geholfen hat, waren die verschiedenen Fächer und dass man sich da in kurzer Zeit reindenken und reinarbeiten musste. Das ist eine Fähigkeit, die man erlernen kann, sich schnell in Sachverhalte reindenken, Sachverhalte für sich selbst zu strukturieren und diese dann auch meistern zu können. Dazu gehört auch zu überlegen, muss ich das Buch jetzt auswendig kennen oder muss ich nur Seite drei, achtzehn und fünfundzwanzig schauen. Das ist eine der grundlegendsten Fähigkeiten, die ich an der Uni gelernt habe.

Niklas: Im Jahr 2014 hast du dann deine Doktorarbeit angefangen und dann abgebrochen um Unternehmer zu werden. Es gibt jetzt mehrere Unternehmen, die du mitgegründet hast. Wie kam es dazu? Warum hast du dich entschlossen, die wissenschaftliche Karriere nicht weiter voranzutreiben und wie bist du zu deinem jetzigen Unternehmen gekommen?

Jeremias: Ich fand es immer spannend, eine Doktorarbeit zu schreiben. Aber ich muss ehrlicherweise auch sagen, dass es mir schnell zu theoretisch geworden ist. Es war sehr wissenschaftlich und theoretisch, einerseits ist das gut, anderseits aber auch sehr limitierend, weil die Welt da draußen nicht nur wissenschaftlich und theoretisch funktioniert. Sie funktioniert vor allem wirtschaftlich und praktisch. Ich war also an dem Punkt und habe überlegt: „Okay, jetzt muss ich mich fünf Jahre motivieren und Engagement an den Tag legen.“ Ich hätte es auch durchgezogen und es hätte mir auch sicher Spaß gemacht. Aber als sich dann diese Chance durch das Kennenlernen meines heutigen Geschäftspartners eröffnet hat, war die Entscheidung für mich relativ einfach. Ich hatte die Wahl zwischen Doktorarbeit schreiben, was sehr interessant ist und einen geistig fordert oder rausgehen in die Welt und wirklich was umsetzten. In unserem Unternehmen ist es so: Wir wollen die Themen, Unternehmen und Bereiche aufbauen, die wir spannend finden und die die Welt voranbringen. Dabei ist dann das rausgekommen, was ich ja am Anfang erzählt habe.

So eine Chance war zu schön, um sie liegenzulassen, vor allem ich war damals 26. Das ist für heutige Verhältnisse für einen Masterabschluss vergleichsweise alt, aber ich musste damals ja noch 13 Jahre in die Schule und danach noch Zivildienst machen und damals war es noch ein bisschen anders. Für mich war dann einfach die Wirtschaft und die weite Welt interessanter als die Theorie. Vor allem auf unser Unternehmen bezogen. Es ist eine unternehmerische Investmentholding, die dezentral organisiert ist. Dies bedeutet, wir haben unter der Dachgesellschaft als Mutterschiff verschiedene Unternehmen, die dazugehören. Das sind aber nicht Abteilung A, B, C und werden von oben durchregiert, sondern es ist eine dezentrale Struktur. Jedes Unternehmen ist eigenständig, hat ein eigenes Management, das am Unternehmen beteiligt ist und führt auch das operative Geschäft eigenständig. Wir unterstützen bei wichtigen Investmententscheidungen und strategischen Fragen. Das ist sehr wichtig, da wir sonst nicht in der Zeit - es sind jetzt knapp fünf Jahre - in so einem breiten Spektrum sowas aufbauen könnten. Wir wären immer der Flaschenhals, da alles nur über uns ginge, was dazu führen würde, dass die Leute aus den Teams deprimiert wären, weil sie immer auf uns warten müssten. Sie würden sich nicht als Unternehmer sehen, die ihr eigenes Unternehmen als ihr eigenes Baby ansehen, sondern sie wären immer Angestellte. Durch diesen Ansatz haben wir es geschafft, dass jedes Unternehmen einen eigenen Namen, ein eigenes Team hat und sich eigenständig fühlt und gleichzeitig noch als Teil eines größeren Verbundes agiert. Das gibt Sicherheit, Struktur und gleichzeitig die Freiheit und die Schnelligkeit. Für uns ist dies das nahezu perfekte Modell. Im Ganzen sind wir jetzt knapp 150 Mitarbeiter, haben vier Büros in München, Berlin, London und New York. Die USA sind das nächste große Land, wo wir stärker wachsen wollen. Dadurch, dass wir so dezentral organisiert sind, ist es auch für uns so, dass wir es stemmen können und die Strukturen funktionieren sehr gut.

Niklas: Was macht dir momentan an deinem Beruf am meisten Spaß - und was nicht?

Jeremias: Ich kann jeden Tag entscheiden, wie ich meine Zeit verbringe, welche Themen wir voranbringen - das macht mir sehr viel Spaß. Wenn ich morgen sagen würde, ich finde Lachszucht in Chile interessant, dann könnten wir uns Lachszucht in Chile angucken. Diese Freiheit ist besonders und ganz schwer, irgendwo anders zu bekommen. Und für mich wäre es sehr schwer, ohne diese auszukommen. Gleichzeitig ist für mich das interessanteste einzelne Thema aktuell „erneuerbare Energien“. Der Hype um das Klima macht es für die breite Masse auch zum Thema, was gut ist. Nichtsdestotrotz muss es Unternehmen geben, die die Windräder planen, finanzieren, bauen und betreiben. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Da steckt tagtäglich viel Ingenieurs- und Finanzarbeit drin. Mir macht das am meisten Spaß, da ich darin eine sehr große Wichtigkeit sehe.

Niklas: In Deutschland wird es ja momentan auch schwieriger mit den Windrädern.

Jeremias: Genau, daher wir sind jetzt auch mehr in Ost- und Südeuropa unterwegs, denn in Deutschland dauert es alles zu lange. Es ist zu kompliziert und der Wettbewerb ist sehr hoch. Durch den Atomausstieg und jetzt dann auch den geplanten Kohleausstieg führt es ja dazu, dass wir in schlechten Zeiten dann auch gern mal Elektrizität von unseren Nachbarn einkaufen, aus Frankreich, die hauptsächlich Atomstrom produzieren, oder aus Polen. Deswegen ist es für uns egal, ob wir in Deutschland, Polen oder Italien erneuerbare Energien bauen, da wir europäisch denken und nicht lokal.

Niklas: Was würdest du heute machen, wenn du nicht in deiner Position wärst? Wärst du in der Wirtschaft?

Jeremias: Ich hätte wahrscheinlich meine Doktorarbeit zu Ende geschrieben. Wenn ich dann nicht in die Unternehmensberatung zuerst gegangen wäre, wäre ich früher oder später an dem gleichen Punkt gekommen, an dem ich heute bin. Für mich war es der beste Moment, als ich gemerkt habe, dass ich mit dem was mich begeistert etwas Großes aufbauen kann. Wenn man herausfindet, welche Themen das sind und die dann auch noch eine Schnittstelle in die Wirtschaft haben, dann ist das ein sehr großes Glück und zeigt, dass es ein Thema ist, an dem man viel arbeiten sollte. Wenn das passiert, dann sollte man in diese Richtung rennen und genau da was machen, so schnell wie es geht. Deswegen glaube ich, wäre ich früher oder später auch über Umwege hier gelandet.

Niklas: Du hast ja gesagt, du arbeitest sehr viel und dass dein Beruf auch dein Interesse ist. Gibt es noch weitere oder andere große Interessen, die nicht mit deinem Beruf zu tun hat – etwas, was du in deiner Freizeit machst?

Jeremias: Ehrlicherweise, wenig. Ich meine, es gibt meine Freundin, Freunde, meine Familie. Aber alles, für was ich mich daneben interessiere, habe ich zum Beruf gemacht und andersrum. Das führt dazu, dass ich immer und nie arbeite. Wenn ich jetzt einen Zeitungsartikel über erneuerbare Energien lese, ist das dann arbeiten oder nicht? Irgendwie ist es beides, es interessiert mich und gleichzeitig hilft es meiner Firma. Es ist auch so, dass wir hier ein tolles Team aufgebaut haben, wo viele Mitarbeiter zu Freunden geworden sind und umgekehrt. Deswegen sind es bei mir eher sehr fließende Grenzen, daher kann ich das schwer trennen.

Niklas: Lass uns einmal zum Call unseres Jahrgangs kommen, der „Multimodal Science Communication“. Generell ist es für die Wissenschaft schwierig, zur “normalen” Gesellschaft durchzudringen. Gründe dafür sind sicher die Komplexität wissenschaftlicher Paper. Diese sind nicht die Realität “normaler” Bürger. Einige Wissenschaftler regen deshalb auch an, auf andere Weisen zu kommunizieren. Das aktuellste Thema ist zum Beispiel der Klimawandel. Was ist deiner Meinung nach beim Klimawandel die Rolle der Wissenschaft? Wie sollte die Wissenschaft reagieren und was könntet ihr als Unternehmer beitragen?

Jeremias: Ich denke, das große Problem ist, dass die Wissenschaft eine wissenschaftliche Sprache spricht. Das ist genauso wie Banker ihre Bankersprache sprechen und der Otto Normalverbraucher, der sich jetzt nicht tagtäglich mit dem Thema beschäftigt, versteht es dann oft nicht. Das heißt nicht, dass er es nicht verstehen würde. Er ist einfach nicht im Vokabular und den Inhalten so tief drinnen. Und wenn man etwas nicht versteht, dann lehnt man es schneller ab oder man hat kein Interesse daran. Für die Wissenschaft ist das wichtigste, wissenschaftliche Paper von Wissenschaftlern für Wissenschaftler zu erstellen und diese bleiben wie sie sind. Wenn die Wissenschaft aber erreichen will, dass sie in der breiten Masse ankommen, muss sie es zusätzlich so erklären, dass es ein fünfjähriges Kind versteht. Natürliche muss es kein echtes fünfjähriges Kind sein; es geht darum, mit einfachen Worten den Sachverhalt dazustellen, was eine große Fähigkeit darstellt. Da fehlt es aber bei den meisten Wissenschaftlern noch sehr. Das vielleicht zu dem Thema, warum kommt die Wissenschaft noch nicht in der breiten Masse an.

Bei dem was ich seitens der Wissenschaft zum Thema Klimawandel gelesen habe, denke ich, dass sich da alle ziemlich einig sind. Gleichzeitig gibt es immer noch Politiker in dieser Welt, die das anders sehen und die es dann auch schaffen, ihre andere Meinung in die Öffentlichkeit zu kommunizieren, weil sie eine einfachere Sprache sprechen. Beispiel Donald Trump tweeted etwas über Klimawandel. Das kommt bei der breiten Masse an und die Leute fangen an, es zu glauben, auch wenn die Wissenschaft viele Paper zu diesem Thema mit grundlegend anderen Aussagen darlegt. Jemand mit großer Reichweite kann in fünf Sätzen die Wissenschaft dementieren und viele Menschen vom Gegenteil überzeugen. Deswegen ist es sehr wichtig - gerade bei Themen, die die breite Masse betreffen - dass die Wissenschaft mit einfacher Sprache eine positive Message nach draußen bringt. Wenn ich sage “Okay, es gibt den Klimawandel, ihr dürft jetzt kein Fleisch mehr essen, kein Auto mehr fahren, etc”, dann sagen alle “Ich habe ich keine Lust, mein Leben einschränken”. Es gibt den von einem Architekten geprägten, interessanten Begriff “Hedonistic Sustainability”, die hedonistische Nachhaltigkeit. In anderen Worten heißt das Nachhaltigkeit, die Spaß macht und die positiv ist. Jeder, der ein Elektroauto gefahren ist, weiß dass es viel Spaß macht. Wenn man das jedoch schlecht verkauft, dann hören alle nur die negativen Seiten, z.B. dass man mit leerem Akku auf der Autobahn liegen bleibt. Ich bin der Meinung, dass es im Grunde darum geht, immer die positiven Dinge von etwas hervorzubringen und diese zu entwickeln. Dies in Kombinationen mit der wirklich einfachen Erklärung, was sich im Hintergrund abspielt, würde schon mal einen sehr, sehr großen Beitrag leisten.

Der Klimawandel ist eine Mammutaufgabe, die uns über Generationen beschäftigen wird. Für mich ist es wichtig, dass wir - gerade, weil es so eine Mammutaufgabe ist – nicht sagen: „Was kann ich schon machen?”. Jeder soll etwas voranbringen, einen Beitrag leisten, loslegen. Es gibt eine Kindergeschichte von Momo, die ich sehr gern mag. Dort gibt es Beppo, den Straßenkehrer. Der erklärt, wie er es schafft, diese ewig lange Straße zu kehren ohne deprimiert zu werden und er sagt, dass er einfach auf den Boden schaut und anfängt und ein Stück nach dem anderen kehrt, ohne an die Länge der Straße zu denken und dass er niemals fertig wird. Man muss einfach starten, nicht nur immer darüber nachdenken, reden und diskutieren. Starten und einen Schritt nach dem anderen machen.

Genauso ist es auch beim Klimawandel. Wir haben die Initiative “Leaders For Climate Action” mitinitiiert und bündeln Digitalunternehmen, die etwas freiwillig gegen den Klimawandel machen wollen und helfen ihnen dabei. Das Feedback war wirklich großartig. Fast niemand hat gesagt „nein wollen wir nicht”, die absolute Mehrheit meinte “Super, dass ihr da seid und uns etwas an die Hand gebt, wie wir etwas machen können“. Die Unternehmer haben Interesse daran, die Mitarbeiter haben Interesse daran und das sind die neuen jungen Unternehmen, die an der Spitze der technologischen Entwicklung stehen. Wenn die nicht so denken, wer dann? Und dann ist es egal, ob der erste Schritt perfekt ist. Der erste Schritt muss nur besser sein als der Status Quo und dann muss man einen zweiten und dritten Schritt machen.

Niklas: Würdest du sagen, dass am Beispiel deines Unternehmens die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Klimawandel eine Rolle spielen? Oder achtet ihr dann doch eher auf die Wirtschaftlichkeit?

Jeremias: Es ist eine Mischung aus beidem. Wir machen auch Dinge, die nicht der Wirtschaftlichkeit folgen, das ist dann im sozialen Bereich. Das ist dann wirklich eine reine Unterstützung und wir setzen dabei am meisten auf Bildung. Bei unseren anderen Themen ist es für uns immer eine Mischung. Es muss ein funktionierendes und damit wirtschaftliches Investment sein, gleichzeitig haben wir auch die Grundlogik, die besagt, dass wir nichts machen, was negativen Einfluss auf die Welt hat. Was positiv und was negativ ist, darüber kann man sich dann natürlich streiten. Aber wir würden z.B. nie Themen im Bereich Glücksspiel machen oder etwas mit Waffen, fossilen Energien, etc. Wir würden auch nie Themen machen, die Menschen bewusst schaden. Bei uns muss alles einen grundsätzlichen positiven Einfluss haben, dem positiven Einfluss vom Neubau von Windrädern zum Beispiel. Die funktionieren wirtschaftlich und leisten einen Beitrag gegen den Klimawandel, aber es sind weniger direkte, wissenschaftliche Aspekte, die da miteinfließen. Die wissenschaftlichen Aspekte haben davor dazu geführt, dass wir über den Klimawandel Bescheid wissen und dadurch wissen wir, dass wir erneuerbare Energien entwickeln können. Wir sind weniger in Forschungsbereichen unterwegs, da Forschung sehr kapitalintensiv ist. Wir konzentrieren uns mehr auf die Umsetzung. An der Uni können neue Dinge entwickelt werden, dort kann Forschung stattfinden, da kann die nächste organische Solarzelle entwickelt werden mit einem höheren Wirkungsgrad. Wir wollen dann diejenigen sein, die das ganze Thema auf den Markt bringen.

Elena: Ein Rückblick auf deine Zeit in der TUM: Junge Akademie:  An welche Momente denkst du am liebsten zurück?

Jeremias: Wir hatten damals das Projekt TUM-Bikesharing und an das Projekt an sich denke ich im Allgemeinen sehr gern zurück. Für uns hat die Herangehensweise sehr viel Spaß gemacht und wir haben viel gelernt: Ein Problem zu identifizieren und dann eine Lösung dafür zu entwickeln. Auch da hat sich bei uns in der Gruppe gezeigt, dass wir nicht die sein wollten, die jetzt nur eine tolle Lösung auf dem Papier präsentieren. Für uns war wichtig, dass da am Ende Fahrräder draußen stehen.

Das was mir Spaß macht, ist wenn dann ein greifbares Ergebnis rauskommt, das man sehen und anfassen kann. Dieses Projekt in einem Team von jungen, super motivierten Leuten zu machen, hat mir mehr Spaß gemacht als die restliche Uni zu dieser Zeit. Man arbeitet in einem Team an einem Problem und sucht eine Lösung und es geht weniger darum, Informationen aufsaugen und dann wieder abgeben. Das macht mir mehr Spaß. Einer der Tutoren unseres Projekts ist heute auch noch ein guter Freund von mir. Der wollte mich damals in sein Unternehmen holen. Dann hat er das Unternehmen irgendwann verkauft und jetzt hat er das nächste Unternehmen aufgebaut und wir haben es finanziert und sind auch heute noch privat gut befreundet. Ich finde ich sehr schön, dass auch so was entstanden ist.

Elena: Was konntest du aus dieser Zeit persönlich mitnehmen?

Jeremias: Ich habe viel über andere Blickrichtungen und Studienrichtungen gelernt, weil man sonst immer unter sich ist. Ich war viel mit Ingenieuren befreundet ich habe noch ein bisschen BWL, das war meine Welt, das kannte ich. Aber dann waren wir bei der TUM Junge Akademie Leute aus allen Studienrichtungen: Informatik, Physik, Mathematik und auch aus dem sozialen Bereich. Man war sehr bunt gemischt und das Interessante daran ist, dass dann alle unterschiedliche Blickweisen auf Themen und Probleme haben. Das hat mir sehr geholfen. Denn auch später, wenn man an Themen oder Projekten arbeitet, probiert man ja immer, einen Kompromiss oder Konsens zu finden bzw. die beste Lösung, je nach der Fragestellung. Und die findet man eigentlich nur, wenn man nicht nur aus seiner eigenen Perspektive schaut, sondern sich auch bewusst zwingt, die Blickweisen und Perspektiven von unterschiedlichen Leuten aufzunehmen.

Elena: Nächstes Jahr wird die Junge Akademie 10 Jahre alt, was wünscht du dem Stipendiatenprogramm für die Zukunft?

Jeremias: Die TUM: Junge Akademie hatte immer ein sehr gutes Programm. Ich fand es immer schade und finde es bis heute schade, dass das so wenig bekannt ist. Ich habe dann noch bei Manage & More mitgemacht, das kennt jeder. Jeder kennt das CDTM. Fast keiner kennt nach meiner Wahrnehmung die TUM: Junge Akademie. Und da entstehen so tolle Projekte von tollen Studenten und die sollten auch die entsprechende Anerkennung bekommen. Die können sie aber nur bekommen, wenn das ganze Thema eine höhere Bekanntheit hat - sowohl an der Uni als auch in der Wirtschaft. Es sind sehr wissenschaftlich bezogene Themen, an denen gearbeitet wird, trotzdem müssen die in der Wirtschaft bekannt sein. Ich weiß nicht, ob der TUM Slogan immer noch „Die unternehmerische Universität“ ist, was gut passt. Deshalb wünsche ich der TUM: Junge Akademie, dass sie innerhalb der Uni und in der Wirtschaft die entsprechende Aufmerksamkeit bekommen würde.

Elena: Nun abschließende Worte. Welche Empfehlungen möchtest du der TUM: Junge Akademie auf den Weg geben?

Jeremias: Geld in die Hand nehmen, mehr eigenes Personal aufbauen und eine Marketing Strategie entwickeln, um dieses tolle Programm auch zu würdigen. Das ist denke ich sehr, sehr wichtig.

Elena und Niklas: Super, dann vielen Dank!

Jeremias: Danke Euch.