TUMJA Alumna Dr. Lea Luka Sikau

im Gespräch mit Clara-Milena Farr und Franka Spitczok von Brisinski
Lea Luka Sikau ist Kuratorin, Soundwissenschaftlerin, Mezzosopran und Medienkünstlerin. Sie hat an der Hochschule für Musik und Theater München den Master Kultur- und Musikmanagement absolviert, war Fellow der Harvard’s Mellon School of Performance Research und promovierte an der University of Cambridge zu Posthumanismus, Probenethnografie und neuer Oper. Lea Luka war Mitglied der TUMJA class17/II und ist heute zuständig für das gesamte Musik- und Soundprogramm am ZKM I Zentrum für Kunst und Medien.


Clara-Milena Farr hat gerade ihren Master in Industrieller Biotechnologie absolviert. Sie ist Teil der TUMJA #class25 im Team Sprouts und gemeinsam mit Franka in der Taskforce Marketing.
Franka Spitczok von Brisinski hat im September ihren Bachelor abgeschlossen und studiert nun im Master Mathematics in Data Science. Sie ist Mitglied der #class25 im Team voTUM, außerdem ist sie Head des Board of Members der TUMJA.
Franka: Hallo, schön, dass es so kurzfristig geklappt hat. Wir würden uns freuen, wenn du dich zuerst kurz vorstellen würdest.
Lea Luka: Mein Name ist Lea Luka Sikau. Ich war von 2017 bis 2019 Mitglied der TUM: Junge Akademie. Für mich war das eine der ersten intensiven Erfahrungen in einem wirklich interdisziplinären Kontext – mit Studierenden sowohl von der Musikhochschule als auch von der TUM. Diese Reibungsfläche zwischen künstlerischer Praxis und naturwissenschaftlich-technischer Perspektive hat mir sehr viel Freude gemacht. Unser Projekt, credibiliTUM, befasste sich mit Glaubwürdigkeitsfaktoren – also mit der Frage, unter welchen Bedingungen wir etwas als „credible“ wahrnehmen.
Ausgebildet bin ich ursprünglich im klassischen Gesang. Im Laufe der Zeit habe ich aber gemerkt, dass mich vor allem konzeptuelle Fragestellungen interessieren: Wie lassen sich Räume gestalten, in denen anders zugehört wird? Wie können Situationen entstehen, die Menschen berühren, sie aus Routinen herauslösen und Fragen provozieren? Um mich damit vertieft auseinanderzusetzen, habe ich in München Kultur- und Musikmanagement studiert.
Promoviert habe ich anschließend zu Probenprozessen in der Oper. Mich hat dabei vor allem interessiert, wie Opernhäuser, als sehr traditionsreiche Institutionen, Zukunft erproben: etwa, indem sie mit machine learning neue Bildwelten generieren oder die klassische frontale Akustik radikal umkehren. Ein Beispiel ist ein Saal, in dem an jedem zweiten Sitz ein Lautsprecher installiert ist und Musik algorithmisch erzeugt wird. Oder Proben mit Avataren über mehrere Monate, ohne physisch anwesende Menschen: Wie verändern sich Berührung, Geruch, Nähe, wenn der Probenraum von neuen technischen Infrastrukturen dominiert ist? Welche Formen von Anwesenheit und Wahrnehmung entstehen dort neu?
Heute arbeite ich als Kuratorin für Musik und Sound am ZKM in Karlsruhe und als Medienkünstlerin. Vor Kurzem haben am LABoral Spanien und in der Science Gallery Bangalore zwei Ausstellungen von mir eröffnet, die sich mit Fermentation beschäftigen. Es geht dabei sowohl um traditionelle Praktiken, beispielsweise das Fermentieren mit Blut, als auch um „Precision Fermentation“ im Labor, in der versucht wird, künstliche Blut-Aromen und -Gerüche zu erzeugen.
Clara: Sehr interessant. Wie kann ich mir so eine Ausstellung vorstellen?
Lea Luka: Die Ausstellung ist als multisensorischer Erfahrungsraum angelegt: mit Geruch, Vibration, Klang und haptischen Elementen. Sie ist ausdrücklich zum Anfassen gedacht. Wir haben mit einem Biotechnologen der Universität Oviedo zusammengearbeitet, der zu Darmkrebs forscht und untersucht, wie unterschiedliche Fermentationsprozesse bestimmte Krebsarten im Darm positiv beeinflussen können. In der Ausstellung wollten wir SCOBY-Texturen nachahmen, also diese lebendigen, organischen Oberflächen aus symbiotischen Kulturen von Bakterien und Hefen.
Auf diesen Oberflächen werden die Vibrationen abgespielt, die wir während verschiedener Fermentationsprozesse aufgenommen haben, als kompositorisch strukturierte Klangstücke. Besucher*innen können sich auf die Skulpturen setzen oder sie berühren, und die Vibrationen übertragen sich auf den Körper, synchron zu den hörbaren Geräuschen der Mikroorganismen.
Das Thema ist aus einem früheren Projekt zur Wahrnehmung von Darmgeräuschen entstanden, auch unterstützt vom Max-Planck-Institut für Empirische Ästhetik und Dr. Giulia Enders. Im Moment gibt es einen regelrechten Mikrobiom-Hype: Der Darm wird als hochintelligent beschrieben, während Darmgeräusche gleichzeitig stark stigmatisiert sind. Als wir mit Bauchgeräuschen gearbeitet haben, stellte sich die Frage, ob sich solche Geräusche, und damit ein Teil des vegetativen Nervensystems, synchronisieren lassen, ähnlich wie Atmung, Menstruationszyklen oder Herzschlag. Daraus entstand das Interesse, mit den Geräuschen von Mikroben zu arbeiten und Fermentation klanglich zu erforschen.
An dieser Stelle schließen sich auch Verbindungen zu Machine Learning: Es gibt bereits zahlreiche Ansätze, Bauchgeräusche aus medizinischen Kontexten aufzuzeichnen und mithilfe von Machine Learning Methoden auszuwerten. Für uns war spannend, wie sich solche datengetriebenen Verfahren mit künstlerischen, sinnlich erfahrbaren Formen der Wissensproduktion verschränken lassen.
Clara: Wie kam es dazu, dass du dich thematisch mehr in Richtung Medizin orientiert hast? Du meintest ja, dass es im PhD eher um Raumgestaltung ging?
Lea Luka: Bei meinem PhD habe ich ethnografisch gearbeitet, das habe ich in den folgenden künstlerischen Forschungsprojekten weitergeführt. Wenn ich ein bestimmtes Thema über mehrere Jahre lang intensiv beforscht habe und das Gefühl bekomme, zentrale Zusammenhänge verstanden zu haben, dann reizt es mich, die gewonnenen Methoden und Denkweisen auf ein neues Feld zu übertragen. So bin ich von der Oper zum Posthumanismus gekommen und von da aus zunehmend in medizinnahe und biotechnologische Kontexte hineingewachsen.
Franka: Was uns noch interessieren würde ist, ob du Vorbilder hattest, zu denen du aufgeschaut hast, als du noch studiert hast?
Lea Luka: Im Studienleben nicht mehr, aber als Kind war für mich die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli ein prägendes Vorbild. Sie hat in der Opernwelt unkonventionelles Repertoire – insbesondere aus dem Barock – entdeckt und neue Interpretationsformen gewagt. Gleichzeitig hat sie sich kritisch mit den tradierten Rollenbildern in der Oper auseinandergesetzt und sich von diesen Klischees sehr bewusst gelöst. Diese Kombination aus historischer Forschung, künstlerischer Virtuosität und emanzipatorischer Haltung finde ich noch immer äußerst inspirierend.
Clara: Was macht dir an deinem Beruf am meisten Spaß und was motiviert dich, dich weiter mit einem Thema auseinanderzusetzen?
Lea Luka: Für mich ist die größte Freude die Vielschichtigkeit meiner Arbeit. Auf der einen Seite kuratiere ich: entwickle also Konzepte, schaffe Konstellationen und Möglichkeitsräume für andere Künstler*innen. Auf der anderen Seite bin ich selbst künstlerisch tätig. An manchen Tagen möchte ich tief in Texte eintauchen, Paper lesen, neue Forschungslinien erkunden und Projektideen entwerfen. An anderen Tagen besuche ich Ateliers oder Studios, verfolge, wie weit Kolleg*innen in ähnlichen Themenfeldern bereits sind, mit ganz anderen Ansätzen, und überlege, wie sich diese Positionen in einer Ausstellung oder einem Forschungsprojekt miteinander verschränken lassen.
Gleichzeitig prägen die aktuellen Kürzungen im Kultur- und Wissenschaftsbereich die Arbeit stark. Motivation entsteht nicht nur aus Neugier und Begeisterung, sondern leider auch aus der Dringlichkeit, Strukturen zu sichern: etwa, indem internationale Förderungen akquiriert werden, damit bestimmte Programme oder Orte überhaupt weiterbestehen können.
Franka: Was ist dir aus deiner Zeit an der TUMJA in Erinnerung geblieben?
Lea Luka: In der TUM: Junge Akademie konnte ich wissenschaftliches Konferenzgeschehen und Organisation proben. Ich lernte, wie unterschiedlich Fragestellungen, Methoden und auch Jargons in verschiedenen Fächern sind, und wie produktiv es sein kann, diese Differenzen bewusst auszuhandeln. Gleichzeitig habe ich in dieser Zeit verstanden, wie entscheidend Teamdynamiken für das Gelingen von Gruppenarbeit sind, sowohl auf inhaltlicher als auch auf zwischenmenschlicher Ebene. Diese Erfahrung war für meine späteren Kollaborationen enorm wertvoll.
Clara: Waren in deinem Jahrgang mehrere Stipendiaten von deiner Hochschule? Und hattet ihr das Gefühl, dazuzugehören? Wie war die Atmosphäre?
Lea Luka: Es waren, wenn ich mich richtig erinnere, zwei oder drei Personen aus meinem Hochschulumfeld dabei. Das Gefühl, dazuzugehören, war dennoch sehr deutlich.
Seit Juni bin ich außerdem Mitglied der Jungen Akademie, in der sowohl Künstlerinnen als auch Wissenschaftlerinnen vertreten sind. In solchen interdisziplinären Kontexten werde ich allerdings fast immer primär als Künstlerin wahrgenommen, obwohl ich ebenso wissenschaftlich arbeite. Das verweist auf eine anhaltende Dysbalance: Naturwissenschaften werden häufig als „harte“ Forschung positioniert, während geistes- und kunstwissenschaftliche oder künstlerisch-forschende Ansätze eher als weniger wissenschaftlich gelten.
Gerade im Bereich der künstlerischen Forschung ist das spürbar. An Musik- und Kunsthochschulen entstehen immer mehr practice-based PhDs, in denen künstlerische Praxis und wissenschaftliche Reflexion eng verschränkt sind. Diese Formate werden jedoch von Teilen der naturwissenschaftlichen Community nach wie vor skeptisch betrachtet oder nicht auf Augenhöhe anerkannt. Für mich ist genau dieser Spannungsraum zwar herausfordernd, aber auch äußerst fruchtbar.
Franka: Hast du irgendwelche Empfehlungen oder Lebenserfahrungen für unsere Stipendiat*innen, die du gerne teilen möchtest?
Lea Luka: Ein Punkt liegt mir besonders am Herzen: Wissenskommunikation. Letzte Woche habe ich bei der Klaus Tschira Stiftung eine Keynote für den Klartext-Preis gehalten – über den Ansatz einer „sensing science“. Die Idee ist, Wissenschaftskommunikation nicht erst als nachgelagerte Vermittlung zu verstehen, sondern von Beginn eines Forschungsprojekts an mitzudenken. Und sie nicht nur visuell, etwa über Grafiken, zu gestalten, sondern auch klanglich, räumlich, haptisch.
Wissenschaft kann sonifiziert, in Installationen übersetzt, durch Berührung erfahrbar gemacht werden. Dadurch entsteht nicht nur ein anderer Zugang für ein Publikum, sondern auch für die Forschenden selbst: Die eigene Arbeit wird aus unerwarteten Blickwinkeln wahrnehmbar, was zu neuen Fragen und Erkenntnissen führen kann.
Ein Beispiel ist ein Projekt am MIT, bei dem wir Spinnweben sonifiziert haben, um den Proteinstrukturen der Netze näherzukommen. Die Spinnweben wurden in Klang überführt, die entstehenden Frequenzstrukturen analysiert. Dieses Projekt hat sehr klar gezeigt, dass andere Sinne zu Wissen führen können. Wissenschaftskommunikation sollte daher stärker multidimensional, prozedural und multisensorisch gedacht werden.
Clara: Wie lange geht deine aktuelle Ausstellung noch und kann man die besuchen? Und hast du schon ein neues Projekt im Kopf?
Lea Luka: Aktuell zeigen wir in der Science Gallery in Bangalore in Indien eine Ausstellung zu Bauchgeräuschen, sie läuft über ein ganzes Jahr bis August 2026. Parallel dazu ist die Ausstellung zu Fermentation im LABoral in Asturien zu sehen, noch bis Mai 2026.
Gleichzeitig planen wir eine Ausstellung in der Kunsthalle in Prag mit dem Titel „TOUCHGROUND“. Dort wird eine Art künstlerischer Spielplatz für Berührung und taktile Erfahrung entstehen, der Themen wie Eco-Anxiety behandelt.
Franka: Vielen lieben Dank für die spannenden Einblicke und dass du dir heute die Zeit für uns genommen hast.




